
Gesetze gefallen nicht: Lilly und Boehringer stoppen Investitionen
Die Ankündigungen kommen nahezu zeitgleich und senden ein deutliches Signal an Politik und Branche: Sowohl der US-Pharmakonzern Eli Lilly als auch Boehringer Ingelheim stellen geplante Investitionen in Deutschland infrage und verweisen dabei auf die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen.
Lilly kündigte an, den noch nicht umgesetzten Teil seines Großprojekts im rheinhessischen Alzey um rund die Hälfte zu reduzieren. Die Produktionsstätte für biopharmazeutische Arzneimittel soll zwar weiterhin 2027 in Betrieb gehen, allerdings mit geringerer Kapazität als ursprünglich geplant. Nach Angaben des Unternehmens stehen damit Investitionen von bis zu 1,5 Mrd. US-Dollar sowie ein erheblicher Teil der ursprünglich vorgesehenen Arbeitsplätze zur Disposition.
Diätspritze als Verkaufsschlager
Der Konzern hatte 2023 Investitionen von insgesamt 2,5 Mrd. US-Dollar für den Standort angekündigt. Der Bau befindet sich bereits weit fortgeschritten im Innenausbau, mehrere hundert Beschäftigte wurden eingestellt. Die Entscheidung über einen weiteren Ausbau werde nun von den künftigen wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland abhängig gemacht.
Auch Boehringer Ingelheim hat Investitionspläne gestoppt. Das Familienunternehmen wollte in den kommenden vier Jahren rund 900 Mio. Euro in deutsche Standorte investieren, unter anderem in neue Forschungs- und Laborgebäude. Als Grund nennt das Unternehmen die geplanten Eingriffe der Bundesregierung in die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Branche kritisiert insbesondere zusätzliche Rabatt- und Sparmaßnahmen, die aus ihrer Sicht die langfristige Planbarkeit von Investitionen beeinträchtigen.
Die Entwicklung fällt in eine Phase zunehmenden internationalen Wettbewerbs um Pharma- und Biotech-Investitionen. Während die USA mit industriepolitischen Anreizen und umfangreichen Förderprogrammen Produktions- und Forschungskapazitäten anziehen, investieren auch asiatische Staaten massiv in ihre Life-Science-Industrien. Vor diesem Hintergrund warnen Unternehmen seit längerem vor einer schleichenden Verschlechterung der Standortbedingungen in Europa.
Verbände hatten gewarnt
Für Deutschland ist die aktuelle Entwicklung besonders bemerkenswert, weil die Bundesregierung in den vergangenen Jahren wiederholt das Ziel formuliert hatte, die heimische Pharma- und Biotechnologiebranche als strategische Zukunftsindustrie zu stärken. Die nun angekündigten Investitionsstopps zeigen, wie sensibel Unternehmen auf Änderungen der gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen reagieren.
Die rheinland-pfälzische Landesregierung kündigte an, kurzfristig das Gespräch mit beiden Unternehmen zu suchen. Aus Mainz heißt es, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung müssten gleichermaßen berücksichtigt werden.
Ob es sich bei den Entscheidungen von Lilly und Boehringer um Einzelfälle oder um erste Anzeichen einer breiteren Investitionszurückhaltung handelt, dürfte die Branche nun aufmerksam beobachten. Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, damit Forschung, Entwicklung und Produktion innovativer Arzneimittel künftig weiterhin in Deutschland stattfinden? Hierbei wird regelmäßig unterschlagen, dass die allerwenigsten innovativen Arzneimittel aus deutschland oder gar aus Europa stammen.
Abhängig von internationaler Innovation
Eine grobe erste eigene Analyse der Redaktion der im vergangenen Jahr von der EMA zugelassenen 38 neuartigen Wirkstoffe (NAS) zeigt, dass nur etwa rund 30% davon einen wissenschaftlichen Ursprung, also den Herkunftsort der eigentlichen Erfindung, in Europa ausweisen können. Der überwiegende Anteil stammt aus den USA mit einem deutlichen Schwerpunkt in der Region Boston. In Europa sind es für die genannten Wirkstoffe Forschungsstätten aus der Schweiz, Großbritannien und Frankreich, kein einziger Wirkstoff stammt aus Deutschland.
Die Abhängigkeit zeigt sich auch weiter darin, dass von den in jüngster Vergangenheit in den USA durch die FDA als neuartige Wirkstoffe zugelassenen Arzneimitteln, also solche, die eine bisher nicht behandelbare medizinische Symptomatik adressieren, rund 30% den Weg nicht zum deutschen Patienten finden. Die Verbände vfa, BPI und andere haben hierüber in den vergangenen Monaten regelmäßig Hinweise gegeben und die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen als Begründung angeführt.
Die jetzige vorläufige Entscheidung der beiden Konzerne sehen Pharma Deutschland und der vfa unisono als eine dramatische Wendung. „Der Rückzug von Lilly und Boehringer Ingelheim ist ein starkes Warnsignal und ein Richtungsweiser für die Wirtschaftspolitik dieser Bundesregierung! Unternehmen, die ohne Subventionen Milliarden in Deutschland investieren wollten, ziehen diese Entscheidung zurück. Damit ist unsere Befürchtung wahr geworden: Ein Pharmadialog, für den sich offensichtlich außer dem Gesundheitsressort niemand in der Bundesregierung interessiert und ein GKV-Spargesetz, welches das Standortvertrauen zerstört, kann nicht folgenlos bleiben. Wenn die Bundesregierung jetzt feststellen sollte, dass sie von den Entscheidungen überrascht worden ist, sollte der letzten Branche klar werden, dass dieser Bundesregierung das Bewusstsein für den wirtschaftlichen Aufschwung fehlt“, sagt Jörg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland.

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Boehringer Ingelheim